Dr. Norbert A. Wetzel, Princeton, New Jersey USA

Jugendliche und Familien im Kontext von Entbehrung, Gewalt und Rassismus

Vortrag in Freiburg

Am 19. November 2013
 

 

© Dr. Norbert A. Wetzel

The Center for Family, Community, and Social Justice, Inc.,
166 Bunn Drive, Princeton, NJ 08540, USA 609.921.3001 www.cfcsj.org 

Übersicht:

Der Verfasser stellt zunächst das von ihm mitbegründete „Zentrum für Familie, Gemeinde, und Soziale Gerechtigkeit, e.V.“ vor. Arbeitsgruppen des Zentrums arbeiten mit Kindern, Jugendlichen, Familien in gesellschaftlichen Kontexten, die von vielfältiger Entbehrung, aktiver Benachteiligung, und von Gewalt und Rassismus gekennzeichnet sind. Die dynamische Macht dieser Verhältnisse kann nur adäquat einschätzen, wer aktiv nach den Faktoren Ausschau hält, die das Leben dieser Familien so schwer machen und den Jugendlichen wenig Hoffnung lassen.

Nur ein neuer Verstehens Horizont wird dem therapeutischen Beobachter helfen, über den einzelnen hinaus Netzwerke von Beziehungen und sozialen Kontexten wahrzunehmen, die sonst unsichtbare Unrechtsstrukturen erkennbar machen.
Darüber hinaus wird die Existenz einer Unterklasse, eines Kastensystems in den USA aufgezeigt, das noch immer tief im alles durchdringenden Rassismus verwurzelt ist. Für die Unterprivilegierten erscheint es fast unmöglich, ihre sozioökonomische Position in der Gesellschaft zu überwinden.

Das Zentrum für Familie, Gemeinde, und Soziale Gerechtigkeit, e.V.:

Die von mir mitbegründete Organisation arbeitet klinisch-therapeutisch in verwahrlosten Innenstadtgebieten des States New Jersey.

* Zwei-Personen Teams bzw. Arbeitsgruppen, die bewusst in den Räumen der Schulen angesiedelt sind, arbeiten nach dem von uns entwickelten Modell der „Beziehungs- und kontext-zentrierten systemischen Familientherapie“. Im Augenblick ist das Zentrum mit therapeutischen Arbeitsgruppen in 21 Grund-, Mittel- und Oberstufen Schulen vertreten, die in vernachlässigten und in vieler Hinsicht heruntergekommenen Innenstadtbezirken des Staates New Jersey gelegen sind. Das Zentrum wird von einer Gruppe erfahrener Familien-therapeuten/innen geleitet, die sich wöchentlich zur Supervision mit den Arbeitsgruppen treffen.

* Die Arbeit des Zentrums wird z.T. vom Ministerium für Kinder und Familien des Staates New Jersey finanziert, aber auch von regionalen Schulbehörden, und durch Privatspenden.

* Ein wichtiges Ziel des Zentrums ist erstklassige familientherapeutische Ausbildung von Therapeuten/innen, die aus kulturellen Minderheiten kommen und bisher in der Sozialarbeit noch kaum in Leitungspositionen vertreten waren. 


I: Übersicht über die Situation in ökonomisch benachteiligten und verarmten Innenstadtbereichen der USA

1 Lebensräume

Kinder, Jugendliche und Familien in verarmten Stadtgebieten des amerikanischen Bundesstaates New Jersey, zumeist Farbige, leben entfremdet als Außenseiter bzw. Ausgestoßene in einer Welt, die schon seit Jahren von der allgemeinen ökonomischen Entwicklung ausgeschlossen ist und natürlich von der wirtschaftlichen Katastrophe in den USA besonders hart betroffen wurde. Armut ist in diesen Bezirken ein Dauerzustand, d.h. ein strukturelles Unrecht; die Leute bleiben marginalisiert, Außenseiter, Fremde. E. Robinson (200?) bezeichnet sie als „die Verlassenen“.

Kennzeichen dieser anderen Welt sind ein Mangel an (nahegelegenen) Arbeitsstellen; die völlig unzureichende Grundausbildung von Jugendlichen und Erwachsenen selbst für Arbeitsstellen, die nur den Mindestlohn erbringen; unzureichende, überbelegte, daher oft heruntergekommene und bedrückende Wohnsubstanz; fast völlig fehlende öffentliche Verkehrsmittel; unerschwingliche Krankenversicherungskosten, besonders nach dem Verlust der Arbeitsstelle; sehr schlechte medizinische Versorgung vieler Familien, die nur im Notfall eine Krankenhausambulanz aufsuchen können; und allgemein ein Mangel an sozialen und praktischen Infrastrukturen, die für überlastete, zumeist allein erziehende Mütter und ihre Familien jedoch lebensnotwendig sind (Wilson, 1997; 2009). 
Obdachlosigkeit, Alkoholismus, Hunger, Depression, Angst, Psychosen und Drogenabhängigkeit unter den Erwachsenen und verbreitetes Schulversagen und Schulabbruch unter den Schülern der Oberstufe sind die Folgen dieser chronischen Entbehrungen. Das tägliche Leben von Schülern und Familien in diesen Wohnvierteln ist hart, voller Herausforderungen, und oft –wegen der Gewalttätigkeit in der Nachbarschaft - ausgesprochen gefährlich.

2 Familienleben

Die Familien in diesen ökonomisch vernachlässigten Bezirken sind zumeist entweder Afro-Amerikaner oder Migranten, vor allem aus Latein Amerika, die oft keine gültigen Einwanderungspapiere besitzen. Diese „Minderheiten-gruppen“ können kaum die notwendige Unterstützung finden, die doch für die körperliche und geistige Entwicklung, Förderung, und Begleitung ihrer Kinder und Jugendlichen unumgänglich wäre. In 72 % dieser Familien trägt eine Mutter oder eine Großmutter allein die Hauptverantwortung (Patterson, 1998). Oder anders gesagt: 54 % der schwarzen Kinder in USA werden von einem Elternteil allein, gewöhnlich von der Mutter, erzogen (M. Alexander?). Tägliche Entbehrung, Stress und Mangel und die daraus resultierenden Gesundheits- und Intelligenzbeeinträchtigungen bedeuten, dass die Kinder in diesen Familien automatisch hinter den Weißen zurückbleiben, emotional, kognitiv und sozial.

Trotzdem: In Kontexten gekennzeichnet von Gewalttätigkeit, von Sucht nach unmittelbarer Befriedigung, von Entbehrung und von illusionären Versprechungen kämpfen viele Jugendliche und das Netzwerk der sie unterstützenden Erwachsenen mit erstaunlicher Standfestigkeit und Beharrlichkeit darum, die Hoffnung nicht aufzugeben, ihre Würde und Selbstachtung zu bewahren und trotz rassistischer Unterdrückung und täglicher Miniaggressionen durchzuhalten (Sue et al., 2010). Viele Eltern müssen darüber hinaus unsichtbar bleiben, weil sie als Einwanderer ohne Staatsbürgerschafts- papiere im gesetzlosen Niemandsland leben. Dennoch geben sie das Leben mit ihren das Bürgerrecht seit Geburt besitzenden Kindern natürlich nicht auf. Mit erstaunlicher Ausdauer versuchen diese Schüler/innen und Erwachsenen also, familiäre Beziehungen aufrecht zu erhalten und weiterhin der Ausbildung und dem Lernen verpflichtet zu bleiben im Bewusstsein, wenn überhaupt, dann nur so dem zerstörerischen Teufelskreis aus Entbehrung, Mutlosigkeit, und Abhängigkeit von sozialer Hilfe entkommen zu können.

3 Schulen

Der Lernkontext der Jugendlichen in den vernachlässigten Stadtbezirken von NJ ist von überfüllten Schulen in altmodischen, z.T. verfallenden Gebäuden gekennzeichnet. Diese Schulen sind „ständig scheiternde“ Schulen (E. Robinson), die einem angesichts der Wachbeamten und Zäune im Schulbereich eher als Gefängnisse vorkommen. Typisch ist die Bemerkung eines (natürlich weißen) Sicherheitsbeamten: „So werden die Schüler wenigstens schon auf das vorbereitet, was sie später erwartet: Gefängnis!“ Es ist kaum vorstellbar, wie irgendjemand unter diesen Umständen lernen kann! Kein Wunder, dass die Zahl der Schulversäumnisse und Schulabbrüche sehr hoch ist. In vielen Oberstufen halten kaum ein Drittel der Schülerinnen und Schüler bis zum Schulabschluss durch. Ohne eine berufliche Zukunft ist der Übergang vom Schulabbruch ins Gefängnis für viele junge farbige Männer fast automatisch.

Die Schulen in diesen Stadtteilen müssen als Teil eines rassistischen und ökonomischen Unterdrückungssystems angesehen werden (Alexander, ?). Insgesamt sind diese Schulen als Erziehungsinstitutionen gescheitert, tragen daher dazu bei, die Hoffnung der Jugendlichen zu ersticken, sie könnten jemals den Kontext von Armut und Außenseiter Status überwinden. Die Schulen sind aber auch deshalb Teil des Unterdrückungssystems, weil sie von Anfang an die Qualität des Unterrichts mindern, schulische Angebote verringern, und durch drakonische Disziplinarmaßnahmen die Schüler in die Kriminalisierung abdrängen (NYTimes, 3-21-14: School Data Finds Pattern of Inequality Along Racial Lines).

4 Jugendkultur und Jugendbanden

In fast allen derart benachteiligten Kommunen mit Afro-Amerikanern oder Latinos gedeiht eine eigene Jugendbanden Kultur. Die Banden bestehen gewöhnlich aus Jugendlichen mit derselben ethnischen Herkunft, d.h. mexikanische Banden stehen Banden gegenüber, die mehrheitlich afro-amerikanische Mitglieder haben. Die Banden sind straff hierarchisch gegliedert und schaffen sich ihre eigenen Regeln und Strukturen.

Banden bieten Jugendlichen eine familienähnliche Atmosphäre und persönlichen Schutz, vermitteln ein Gefühl der Zugehörigkeit, sinnvolle Aufgaben, und Anerkennung und Bestätigung durch die Gruppe und ihre Leiter, -etwas das ihrem Leben sonst fehlt. Der Außenseiter Status wird überwunden! Die meisten Banden sind aktiv in den illegalen Drogenhandel verwickelt. Die unerbittliche ökonomische Rivalität zwischen Banden, die sich um dasselbe Stück Innenstadt streiten, trägt dazu bei, dass sie sehr schnell in kriminelle Aktivitäten abgleiten. Jeder Bruch der Bandenloyalität wird streng bestraft, nicht selten mit dem Tod, besonders wenn verfeindete Banden oder die Polizei mitbeteiligt sind. Schon die Aufnahmeriten (für Jungen physische Gewalt gegen andere, für Mädchen sexuelle Promiskuität oder Gruppenvergewaltigung durch Mitglieder der Bande) sind mit Gewalttätigkeit verbunden.

Für afro-amerikanische und lateinamerikanische junge Männer in den wirtschaftlich benachteiligten Stadtbezirken wirkt sich der Außenseiterstatus besonders schlimm aus. Vielfach sind die Väter abwesend, d.h. im Gefängnis oder drogenabhängig. Die Schulabbruchsrate ist hoch, ebenso wie die Gefahr, durch Drogenhandel und/oder Gewalttätigkeit in die Kriminalität abzusinken. Von der Schule, besonders nach dem Schulabbruch, führt oft ein direkter Weg ins Gefängnis.

II. Zur Theorie des Modells der „Beziehungs- und kontextzentrierten systemischen Familientherapie“

Das „beziehungs- und kontextzentrierte“ Therapiemodell des Zentrums nimmt nicht nur die Dynamik der Familienbeziehungen, sondern auch die Nachbarschaft der Familie, die Schule der Kinder, sowie die Welt der Gleichaltrigen in den Blick und sieht sie als Beziehungsgeflechte, die einem Dauerstress ausgesetzt sind, aber auch über Reichtümer und Quellen von Stärken verfügen, die es erst noch zu entdecken gilt.

Für das Verständnis dieses Modells ist es entscheidend, die denkerischen und in der Praxiserfahrung entdeckten Grundlagen dieses Modells zu skizzieren. Dies gilt insbesondere für die für Therapeuten der Mittelschicht oft Anstoß erregende Position des Zentrums, soziale Gerechtigkeit als eine Grund- und Handlungsorientierung zu betrachten, die für jede klinische Praxis wichtig ist, nicht nur für die Therapie von Außenseiterfamilien.

Center for Social Justice

II.1 Das beziehungsorientierte Paradigma als epistemologische Alternative zum objektivistischen Denken (Wetzel, 2002c)
        
Im Prozess der Entwicklung eines Therapiemodells, das sich für an den gesellschaftlichen Rand gedrängte und kulturell und ökonomisch unterdrückte Bevölkerungsschichten eignen würde, haben wir eine strikt beziehungsorientierte und kontextzentrierte Epistemologie gewählt, die sich von der klassischen „objektiven“ und in der Medizin und oft auch in der Individualtherapie vorherrschenden Epistemologie radikal unterscheidet (Wetzel, 2002a). Es lohnt sich, diese beiden Verstehens- und Denkentwürfe zu unterscheiden, sosehr sich beide im praktischen Leben und in der medizinischen und psychologischen Praxis dauernd überschneiden.
(Zum Folgenden s. die drei Folien im Anhang am Ende des Texts!)    

Schon der Umstand, dass Menschen im Umgang mit der Komplexität der Welt eine Wahl zwischen unterschiedlichen epistemologischen Paradigmata zu treffen haben, ja dieser Wahl gar nicht aus dem Weg gehen können, ist beunruhigend für alle, die naiv als einziges kognitives Paradigma das dominante Denkmodell des klassischen „objektiven Realismus“ (von der Antike bis hin zu Descartes) kennen, in dem das begreifende Subjekt und das zu begreifende Objekt zersplittert sind. Dieser bis heute vorherrschende, das Denken der meisten Menschen bestimmende „objektive Realismus“ hat natürlich in der erkennenden und wissenschaftlichen Bewältigung der „Welt“ beeindruckende technologische, unser Leben erleichternde, auch medizinische, Triumphe gefeiert. Und doch ist dieses dualistische epistemologische Paradigma für die Reflektion und das Verstehen zwischenmenschlicher Beziehungen ungeeignet, unzulänglich, und oft zerstörerisch.

Gehen wir von unserer eigenen inneren Erfahrung aus, dann wird schnell offensichtlich, dass wir als Personen immer schon mit anderen Personen in Beziehung stehen, logisch noch vor jedem wahrnehmenden oder begreifenden Erkennen von Anderen. Tatsächlich ist immer schon hinter dem vorherrschenden Paradigma des „objektiven Realismus“ in jeder Art von Beziehung ein ganz anderer, nämlich beziehungsorientierter Verstehens Entwurf wirksam, der nicht nur in persönlichen, sondern auch in beruflichen, z.B. therapeutischen Beziehungskontexten direkt angesprochen wird. In unserem Zentrum sprechen wir vom epistemologischen Paradigma der „beziehungs- und kontextzentrierten Perspektiven“, die in der immer schon vorgegebenen Beziehung zwischen mir und dem oder der Anderen gründet.

Leider ist in der Reflexion psychotherapeutischer Praxis häufig zu viel Nachahmung des „medizinischen Modells“ zu spüren. Ärzte betonen natürlich zu Recht ihre wissenschaftliche, „objektive“ Erkenntnis- und Untersuchungs-methodik, obwohl auch sie zuallererst auf der sich entfaltenden Beziehung zu ihren „Patienten“ aufbauen, ob sie es reflektiert tun oder nicht. Die „Medikalisierung“ der Psychotherapie hat die Dominanz des dualistischen Subjekt-Objekt Denkens verstärkt, vor allem in den USA. „Patienten“ bleiben dann isolierte Einzelne, deren Beziehungsnetz und -geschichte genau so „wissenschaftlich“ belanglos sind wie ihre sozialen Kontexte und daher nicht beachtet werden. Im Paradigma des „klassischen Realismus“ ist der/die Andere ständig in Gefahr, vom begreifenden Subjekt zum materiellen Objekt degradiert zu werden, das „behandelt“ werden muss. Die Sprachfiguren, in denen sich das objektivistische Paradigma vollzieht, sind patriarchalisch und privilegieren die Experten.

Mit der strikt auf Beziehungen und Kontexte hin orientierten alternativen Epistemologie der „Perspektiven“ kommt nicht nur die schon immer vorgegebene Beziehung zwischen Therapeut/in und Ratsuchenden ausdrücklich in den Blick, sondern es werden auch Verbindungen zu Dritten über den Einzelnen hinaus sichtbar. Familiäre Beziehungsgeflechte, persönliche und soziale Netzwerke, beruflich-institutionelle Verflochtenheit, oder das Eingebundensein in politische Systeme, kurz die Komplexität und Vielschichtigkeit der Beziehungsnetze, in die Einzelne eingewoben sind, werden mit der beziehungsorientierten und kontextzentrierten Epistemologie begrifflich fassbar und für die Praxis sichtbar. Diese unglaubliche Vielfalt der Kontexte, mit denen die/der einzelne vernetzt ist, macht in diesem Paradigma gerade die unverwechselbare Einmaligkeit der Anderen aus und offenbart zugleich auch die in den Beziehungsnetzwerken verborgene Energie.

Mit der Entfaltung einer therapeutischen Beziehung zu Jugendlichen und Familien werden die Quellen von traumatischen Beziehungskonflikten, von lebenzerstörenden Gefühlen bezüglich Anderer, von überwältigenden Denkverwirrungen und Zwangsvorstellungen der allmählichen Aufhellung zugänglich, zumeist ohne viel Hilfe durch Medikamente. Ebenso wichtig ist, dass uns die Praxis dieser beziehungsorientierten und kontextzentrierten Familientherapie aber auch gelehrt hat, die Verflochtenheit Anderer in vielfältige Beziehungskontexte als Quelle oft überraschender Erfindungskraft und erstaunlicher Stärken wahrzunehmen und zu schätzen. 

II. Zur Praxis der „beziehungs- und kontextzentrierten systemischen Familientherapie“

In ca. 20 benachteiligten Schulbezirken des Staates New Jersey bietet das Zentrum Schülerinnen, Schülern und ihren Familien „beziehungs- und kontextzentrierte systemische Familientherapie“ an. Mit diesem Projekt soll Schulversagen und Schulabbruch, Drogengebrauch und Kriminalisierung Jugendlicher vorgebeugt werden. Zugleich soll psychisches Leiden geheilt und sollen Verhaltensstörungen behandelt werden. Schließlich sollen die Familien gestärkt werden, die unter häufiger Gewalttätigkeit in der Nachbarschaft, an chronischen Krankheiten, oder gesellschaftlicher Ächtung leiden. Jugendlichen und Familien wird die notwendige Stützung zuteil, sodass sie ihre Stärken nützen und sich bietende Gelegenheiten wahrnehmen können, besonders in Bezug auf die Schullaufbahn der Kinder und deren Zukunft nach dem Schulabschluss.

Junge Leute sind zumeist nur innerhalb des Kontexts ihrer Schule für Therapeuten ansprechbar. Daher sind die Arbeitsräume der Teams des Zentrums in der Schule gelegen, in Verbindung mit dem umfassenderen Schul-Jugenddienst, der auch medizinische Behandlung, individuelle und Gruppenberatung, Hilfe bei der Suche nach einer Arbeitsstelle, schulische Nachhilfe, Ferienbetreuung usw. anbietet. Seit der Entwicklung der „beziehungs- und kontextzentrierten systemischen Familientherapie“ (1995) wird dieses Modell z.T. vom staatlichen Sozialministerium, z.T. von regionalen Schulbehörden finanziert. Die Teammitglieder arbeiten eng zusammen, wobei der/die „Familientherapeut/in“ den Blick eher auf das Familienbeziehungsgeflecht, der/die „Gemeindeberater/in“ eher auf den Bezirk richtet, in dem die Schule gelegen ist. Jedes Team trifft sich wöchentlich zur Supervision mit den Lehrtherapeuten/innen des Zentrums. Jeden Monat treffen sich alle Arbeitsgruppen des Zentrums zu ganztägiger Weiterbildung (Wetzel, 1999; Wetzel, 2000; Wetzel, Winawer, 2000; Wetzel, 2002b; Wetzel, Winawer, 2002).

II.1  Einige Innovative Grundzüge der „beziehungs- und kontext-zentrierten systemischen Familientherapie“

Das „beziehungs- und kontextzentrierte systemische Familientherapie“ Modell zeichnet sich durch eine Reihe innovativer Eigenschaften aus, die zum Teil auf der alternativen beziehungsorientierten epistemologischen Grundlage beruhen, zum Teil aus den überraschenden Erfahrungen der Therapiepraxis der Arbeitsgruppen des Zentrums stammen. In diesem Zusammenhang kann man zu Recht von einer „in der Praxis begründeten Evidenz“ sprechen, statt von einer „in der wissenschaftlichen Evidenz begründeten Praxis“ in der Medizin.

Konvergenz von Risikofaktoren und Ausdauer
Schulversagen, Lernschwierigkeiten und Schulabbruch, Angstanfälle, Drogenabhängigkeit, Kriminalität, Depression, Gewalttätigkeit, Verhaltens-störungen oder sog. „Geisteskrankheiten“ von Kindern und Jugendlichen werden, ebenso wie ihre innere Spannkraft und Ausdauer, ihre Kreativität und ihr Durchhaltevermögen im beziehungs- und kontextorientierten Paradigma als humane Phänomene begriffen, die in der Konvergenz einer hoch komplexen Gruppe von Faktoren wurzeln. Dazu gehören: Die individuellen bio-physiologischen Anlagen und die persönliche, insbesondere frühkindliche  Entwicklung der Jugendlichen, z.T. gesteuert von familiären Umweltfaktoren, die Dynamik des (Mehr-Generationen-) Familiensystems, die Jugendkultur (eingeschlossen Jugendbanden), der Schul- und Klassenkontext, die unmittelbare Familiennachbarschaft, der städtische Kontext und die Gesellschaft allgemein. 

Der Beratungskontext.
Mit dem Beginn des Beratungsprozesses bilden die Teams des Zentrums einen neuen Kontext, der – so inklusiv wie möglich – die Jugendlichen, die Familien, die Schule, die Gemeinde und die Gruppe Gleichaltriger umfasst. Obgleich nicht jede Beratung alle Repräsentanten der unterschiedlichen Kontexte versammelt, ist es doch die Aufgabe dieses neuen Beziehungs-geflechts, andauernde Beziehungsstrukturen für Kinder, Teenagers und Familie während des Schuljahres bereitzustellen und zugänglich zu machen. Dabei ist mit „Familie“ hier immer das persönliche Geflecht von Beziehungspersonen gemeint, die für die Betreffenden wichtig sind. Dazu gehören oft auch nicht mit den Familienmitgliedern verwandte Bezugspersonen, die bereit sind, das betreffende Kind oder die betreffenden Jugendlichen aktiv zu unterstützen.

Die Suche nach den Vätern.
Wesentlicher Teil des Prozesses, einen neuen Beziehungskontext für Jugendliche und Familienmitglieder zu schaffen, ist die aktive Suche der Teams nach den Vätern der Schüler/innen und ihre Einbeziehung in den Beratungs-prozess. Zu dieser Gruppe von Männern gehören (neben den Vätern) auch andere: Die Partner der Frauen, die zumeist dem Haushalt vorstehen, ältere Brüder, Onkel oder andere männliche Mentoren, die gewillt sind, sich auf die Lebenssituation der Jugendlichen einzulassen und Verpflichtungen zu andauernder Fürsorge einzugehen. Hartnäckigkeit im Verfolg dieser Suche führt Teammitglieder manchmal in Gefängnisse oder in ungewohnte Nachbarschaften zu Männern, die anscheinend sich selbst und ihre Kinder schon vor langer Zeit aufgegeben haben. In Wirklichkeit haben sich die Gesellschaft, die sozialen Dienste, die Arbeitsmärkte oder die Jugendgerichte von diesen Männern abgewandt und erst dann wurden die Hürden zu hoch, die der Verbindung zu den Kindern dieser Männer entgegenstanden. Soziale Dienste, Therapeuten, und Schulbehörden wenden sich normalerweise nur an die Mütter oder Großmütter und „übersehen“ die Väter. Nach den Erfahrungen der Therapeuten des Zentrums sind die Väter fast immer bereit sich zu engagieren, was immer ihre eigenen Lebensumstände sein mögen. Das ihnen geschenkte Vertrauen, an der Sorge für ihre Kinder mitbeteiligt zu werden, ist häufig der erste Schritt auf dem Weg zur eigenen Transformation. 

Gemeindekontext im Brennpunkt.
Die Zusammenarbeit zwischen „Familientherapeut/in“ und „Gemeinde-berater/in“ in den Arbeitsgruppen des Zentrums verleiht der Kontext- und Gemeindezentriertheit des Modells praktische Wirkung und besondere Glaubwürdigkeit. Die „Gemeindeberater“ verkörpern die Verantwortung der Teams, in jedem klinischen Fall das soziale Umfeld der Jugendlichen und der Familien zu erforschen, verfügbare Mittel zur Stützung in der Gemeinde zu suchen, den oft chronischen Stress der Familienmitglieder in Betracht zu ziehen und, wo möglich, für soziale Gerechtigkeit in Bezug auf die betreffende Familie einzutreten. 

Praktisch sieht das so aus: Das neu gebildete Beziehungsnetz (therapeutisches Team – Familie – Schulvertreter – Nachbarn usw.) wird nicht nur mit institutionellen Systemen in der Gemeinde verknüpft (Sozial- und Jugendämter, Krisenzentren, kirchliche Dienste, Krankenhaus, Rechtsanwälte, Ärzte, Arbeitsamt usw.), sondern auch mit mehr informellen Gruppen und Einzelnen in der unmittelbaren Nachbarschaft der Familie (Sport- und andere Freizeitgruppen, andere Familien, Freunde, ältere Jugendliche, Geschäfts-inhaber, usw.), mit dem Ziel, für Kinder, Jugendliche und ihre Familien die notwendige Unterstützung im gesellschaftlichen Umfeld (wieder) zu aktivieren und die der Familie eigene Ausdauer zu fördern.
Manche Arbeitsgruppen des Zentrums arbeiten z.B. regelmäßig mit Rechtsanwälten, Staatsanwälten und Richtern der Jugend- und Drogengerichte zusammen, um Alternativen zu den oft drohenden langjährigen Haftstrafen zu entwickeln. In jüngster Zeit haben diese Gerichte institutionelle Regeln und praktische Verfahren entwickelt, die es straffälligen Jugendlichen (besonders im Fall von Drogenhandel) ermöglichen, an Stelle einer langen Haftstrafe an der kontextzentrierten systemischen Familienberatung durch Therapeuten des Zentrums teilzunehmen und gleichzeitig ihre Schulausbildung weiter zu führen.

Kooperative Beratung.
Das Modell des Zentrums betont die Zusammenarbeit zwischen Familie und Team im Therapieprozess. Schüler/innen und Familie sind gemeinsam mit den Therapeuten in einem gegenseitig respektvollen Prozess engagiert, der um die Fragen kreist, die ein Mitglied der Familie ursprünglich in die Therapie geführt haben. Die Familie ist Subjekt dieses Prozesses und muss es bleiben. Alle Beteiligten werden sich die Hilfen des Teams nur zu eigen machen, wenn und insofern das „Fachwissen“ der Familienmitglieder bezüglich der eigenen Erfahrungen privilegiert bleibt und die Familie den gemeinsamen Prozess mit ihren Fragen und Interessen leiten kann. Alle sollen spüren, dass sie hier nicht „behandelt“ werden.

Eine Auswirkung dieser Grundorientierung ist, dass das „beziehungs- und kontextzentrierte systemische Familientherapie“ Modell die Stärken der Familien hervorhebt und die Familie einlädt, sich der eigenen Möglichkeiten und Hilfsquellen bewusst zu werden und die schöpferischen Kräfte aller Familienmitglieder einzusetzen (Ungar, 2010). Demgemäß forschen die Therapeuten/innen des Zentrums auch nicht nach verborgenen Pathologien oder Schwächen und diagnostizieren keine Neurosen oder Geisteskrankheiten. Sie heben vielmehr mit ihren Fragen Stärken in der Familie hervor, die es erlauben, Hypothesen zu formulieren und mit der Familie einen Aktionsplan zu entwickeln. 
    
Kulturelle Kongruenz.
Eine andere wichtige Konsequenz dieser Einsicht und Praxis ist die Entscheidung des Leitungsgremiums des Zentrums, bei der Auswahl der Teammitglieder darauf zu achten, dass wo irgend möglich die Mitarbeiter die ethnische und kulturelle Eigenart der Mehrheit der Schüler/innen an der betreffenden Schule widerspiegeln. Auf diese Weise werden nicht nur die interkulturellen Kompetenzen der Arbeitsgruppen gestärkt und dem Verstehen hinderliche Barrieren beseitigt. Auch das Machtgefälle zwischen Angehörigen der herrschenden Kreise und der marginalisierten Gruppen wird durch die ethnisch/kulturelle Nähe der Teams zu den Familien von vorneherein hinterfragt und abgebaut. 
Hinzu kommt dann noch als geplantes und sehr willkommenes „Nebenprodukt“, dass das Zentrum auf diese Weise zur beruflichen Aus- und Weiterbildung in systemischer Familientherapie einer beachtlichen Zahl von Sozialarbeitern und Therapeuten beiträgt, die aus den „Minderheitsgruppen“ in den USA stammen und in Therapiekreisen bisher kaum vertreten waren. Einige ehemalige Teammitglieder sind in der Zwischenzeit zu Leitungspositionen in sozialen Diensten avanciert.

„Symptome“ auf der interaktiven Ebene.
Wie oben ausgeführt, eröffnet sich mit der Wahlmöglichkeit zwischen der „klassisch-objektiven“ und der beziehungsorientierten Epistemologie für die Zentrumstherapeuten die Chance, darüber nachzudenken, auf welche Komplexitätsstufe der Beziehungsebenen sie den therapeutischen Prozess einstellen wollen, z.B. auf die Ebene inner-psychischer Konflikte, oder auf die Familienebene, oder auf die Mitgliedschaft eines Jugendlichen in einer Jugendbande oder auf die allabendlichen Schießereien in der Nähe der Wohnung der Familie usw. Dabei spielt für die Teams der Umstand eine auschlaggebende Rolle, dass alle von den gesellschaftlich akkreditierten Fachleuten als „seelische Krankheiten“, Neurosen, Psychosen o.ä. definierten Denk-, Gefühls-, oder Verhaltensweisen Einzelner zunächst auf der sozialen, interaktiven Ebene von Beziehungen offenkundig werden. 
Die in der herkömmlichen Psychotherapie (oder Psychiatrie) still-schweigend vorausgesetzte Annahme, dass die genannten Phänomene in bio-physiologischen und/oder intrapsychischen Anlagen, Prozessen, Konflikten, und Fehlentwicklungen des Individuums („Patient“) wurzeln, wird aus einer beziehungsorientierten Sicht nicht als falsch angesehen, wohl aber als nur eine unter mehreren Verstehens Möglichkeiten. Die Entscheidung für ein interpersonales bzw. kontextzentriertes Paradigma in der Therapie öffnet das Tor zu einem weiten Horizont von therapeutischen Ansätzen, z.B. die Beziehung einer Jugendlichen zu ihren Eltern zu klären, die Dynamik in der Schulklasse oder zwischen Schülern zu untersuchen, die Hinweise eines Schülers auf eine mögliche (körperliche) Krankheit ernst zu nehmen, oder Konflikte in der Nachbarschaft der Familie beilegen zu helfen.  

III. Beziehungs- und kontextzentrierte Epistemologie orientiert die Praxis

Pie Chart

Das Zentrum hat ein „Kaleidoskop von kontextuellen Perspektiven“ entwickelt, die ähnlich wie photographische Linsen den Arbeitsgruppen helfen, die Beziehungs- und Kontextwelt der Familien scharf eingestellt wahrzunehmen und die Einsichten des Teams als Handlungsorientierungen praktisch umzusetzen. Das diesen Perspektiven oder Blickwinkeln zugrundeliegende Axiom, „Meine Sicht, mein Blick bestimmt, was ich sehe(n kann)“ (daher auch „perspektivischer Realismus“) orientiert die Blickrichtungen der Therapeuten und ermöglicht ihnen, die am ehesten relevanten ‚Gesichtspunkte’ in den Kontexten der Schüler/innen und ihrer Familien zu entdecken. Diese kontextzentrierten Perspektiven überkreuzen und überschneiden sich natürlich auf vielfältige Weise und erhellen somit Gesichtspunkte der Wirklichkeit dieser Familien, die anders unsichtbar blieben.

1. Sozioökonomische Klasse.
Die sozial-ökonomischen Verhältnisse einer Familie sind für viele Aspekte des Familienlebens bestimmend. Das gilt besonders dann, wenn eine Mehrgenerationenperspektive der Familie die „Armutsfalle“ aufdeckt, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint und die nur zu oft der Familie zur Last gelegt wird. Die Therapeuten des Zentrums erkundigen sich also in der Anfangsphase des Familiengesprächs nach der finanziellen Lage der Familie, nach ihrer Wohnungssituation, nach Anzeichen einer andauernden „Ernährungs-unsicherheit“, nach Einzelheiten des Berufs- und Arbeitsverhältnisses der Eltern, z.B. Länge des täglichen Pendelverkehrs, unregelmäßige Arbeitszeiten, Arbeitsplatzunsicherheit, oder Arbeitsplatzmangel in der Nachbarschaft. 
Das einfühlsame Nachfragen des Teams bzgl. der sozioökonomischen Situation der Familie ist häufig der erste Schritt auf dem Weg zu einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Familie und Therapeuten.

2. Rassismus, Familienkultur und ethnische Herkunft.
Trotz der enormen Fortschritte seit der Zeit der Bürgerrechtsbewegung und trotz der Wahl eines Amerikaners mit schwarzer Hautfarbe zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, ist die US Gesellschaft immer noch tief von Rassismus und Dominanz der „weißen“ Gesellschaft und Kultur bestimmt. Und obwohl der Aufstieg in die Mittelschicht vielen Afro-Amerikanern und lateinamerikanischen Familien sozial und ökonomisch bessere Lebens- und Wohnmöglichkeiten gebracht hat, sind die ökonomisch benachteiligten Stadtbereiche, in denen die Teams des Zentrums arbeiten, doch sehr stark von ethnischen „Minderheits-gruppen“, d.h. von den „Verlassenen“ (E. Robinson), also von einer Art rassischem und ökonomischem Ghetto bestimmt. 
Die kulturelle Identifizierung und die ethnische Herkunft einer Familie und ihre rassistisch motivierte Unterdrückungsgeschichte sind also eine außer-ordentlich wichtige Komponente des Blickwinkels im kontextzentrierten Beratungsprozesses. Wie anders können die Therapeuten/innen von den täglichen rassistischen Anfeindungen und Beleidigungen erfahren (Sue, 2010), denen ein Schüler auf dem Weg zur Schule oder im Wohnviertel ausgesetzt ist? Und ohne freundlich beharrliche Erkundigungen würden sie auch wenig von der  Ausdauer und Spannkraft kennenlernen, die mit der kulturellen Identifikation der Familie verknüpft sind. Ähnlich verhält es sich mit Nachfragen hinsichtlich der Migrationsgeschichte der Familie. Die Erzählungen von aus Lateinamerika eingewanderten Familienmitgliedern sind gefüllt mit Geschichten von andauernden Anstrengungen zu überleben, aber auch von unermüdlicher Entschlossenheit und Zuversicht.

3. Geschlechts-Identität, Geschlechterrollen Definition, „Transgender“ Individuen. (Ashton, 2010)
Die Zugehörigkeit zu einer sozioökonomischen Klasse und die ethnische Familienkultur beeinflussen tiefgreifend die soziale Konstruktion der Geschlechterrollen in der Familie. Die Arbeitsgruppen des Zentrums stellen behutsam Fragen: Wie erfährt ein Mann seine Rolle in der Familie, wie wird er von anderen Familienmitgliedern erlebt, welche Erwartungen werden an ihn herangetragen – je nach dem er als Weißer, als Latino, oder als schwarzer Amerikaner gesehen wird (mit Vorfahren, die versklavt wurden von den Vorfahren der Weißen)? Und wie wird dieser Mann gesehen, wie erlebt er sich selbst, wenn er zugleich auch homosexuell ist oder seine Geschlechts-Identität gewechselt hat? Oder wie unterschiedlich sind die Erfahrungen von Frauen je nach ihrer ökonomischen Klassenzugehörigkeit, ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Geschlechts-Identität oder ihrer sexuellen Orientierung?
Subtile und nicht so subtile Weisen der Unterdrückung von Mädchen und Frauen oder von transidentischen Individuen in Schulen und in den Wohngebieten der Familien werden oft nur durch eine bewusst auch geschlechtsbezogene Perspektive für die Teams in der Therapie sichtbar. Der außerordentlich hohe Schulabbruch männlicher Schüler, die verbreiteten Schwangerschaften von Schülerinnen der Oberstufe, die Unsichtbarkeit oder Abwesenheit der Männer und die Überlastung der Mütter, die übliche Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz sind Funktionen der sozialen Konstruktion ökonomischer und rassischer Wirklichkeiten und werden in Familiengesprächen nur als solche wahrgenommen, wenn die Therapeuten/innen ausdrücklich Fragen stellen, die an einer geschlechts-bezogenen Perspektive orientiert sind. 

4. Sexuelle Identität, sexuelle Orientierung und Beziehungslernen. (Ashton, 2010)
Einer der zumeist verschwiegenen oder verleugneten Konflikte, mit denen sich Jugendliche besonders in kulturellen Minderheitsgruppen abquälen, ist die Frage ihrer sexuellen Orientierung oder Identität. Schüler/innen, die sich zu gleichgeschlechtlichen Freunden/innen hingezogen fühlen, werden oft von Gleichaltrigen gehänselt oder schikaniert und von Eltern missverstanden, bevor sie es wagen, mit den Therapeuten des Zentrums zu sprechen. Die Erfahrung sexueller Attraktion zu gleichgeschlechtlichen Freunden ist zusätzlich verstörend, weil in vielen Familien und religiösen Gemeinschaften Homosexualität als schlimme Sünde, als Verstoß gegen kulturelle Normen, und als Angriff auf das Familienwertsystem betrachtet wird. Sich zur eigenen sexuellen Orientierung oder Identität gegenüber Eltern oder Familie zu bekennen, ist oft ein erheblicher Leidensweg. In mehreren Schulen waren Arbeitsgruppen des Zentrums die Initiatoren von LGBTQI Gesprächsgruppen, die inzwischen populär geworden sind. Natürlich sind die Arbeitsteams des Zentrums auch häufig in Therapie und Gruppenarbeit mit Schülern damit beschäftigt, den Jugendlichen beim Aufbau respektvoller persönlicher sexueller Beziehungen zu helfen.

5. Religion, Spiritualität; Mitgliedschaft in einer religiösen Gemeinschaft.
Als Teil der Blickrichtung auf das Umfeld und den kommunalen Kontext der Familie erforschen die Teams auch die Mitgliedschaft der Familie in einer religiösen Gemeinschaft. Oft finden sich hier erhebliche Ressourcen zur  Unterstützung von Schüler/innen und Familien, die auch in die Therapie miteinbezogen werden können. Manchmal wird andauernde „weltliche“ Beratung durch das Team auch von der Leitung einer konservativen Pfarrgemeinde eher misstrauisch betrachtet. Immer aber ist diese Perspektive wichtig und erlaubt, existenzielle Lebensfragen der Familie zu thematisieren.

6. Körperliche Gesundheit; Alkohol- und Drogenabhängigkeit; Behinderungen.
Das beziehungsorientierte und kontextzentrierte Modell der systemischen Familientherapie schließt eine auf das Individuum fokussierte Betrachtung ausdrücklich ein, d.h. die Jugendlichen stehen auch als Individuen im Brennpunkt der therapeutischen Perspektive. Besonders wird die gegenwärtige und vergangene Gesundheit aus medizinischer Sicht erforscht. Die Verbindung zu einem Arzt, einer Ärztin, oder einer Klinik herzustellen und Klarheit über die körperliche Gesundheit eines/r Schüler/in zu gewinnen, ist oft ein entscheidender Schritt innerhalb der Therapie.

Auch hier ist der Blick auf die Gesundheit einzelner Schüler oder Schülerinnen kontextzentriert. Die körperlichen Symptome eines Schülers können ein Zeichen erhöhter Umweltbelastung sein. Krankheiten von Familienmitgliedern betreffen alle in der Familie und können zu erheblichen Belastungen führen, die Außenstehenden oft verborgen bleiben. Was zunächst als ein Verhaltensproblem erscheint, z.B. Schule schwänzen, kann sich dem beziehungsorientierten Blick als hingebungsvolle Sorge einer Schülerin für eine erkrankte Mutter herausstellen.

Zur Gesundheitsperspektive zählen wir speziell auch gegenwärtige oder frühere Alkohol- und/oder Drogenabhängigkeit der Jugendlichen und etwaiger Familienmitglieder. Alkoholismus und Drogensucht haben in den benachteiligten Schulbezirken besonders verheerende Auswirkungen. Neben der klinischen Arbeit des Teams mit der/dem Jugendlichen oder dem erwachsenen Familienmitglied kommt hier dem Wissen und Geschick des „Gemeinde Beraters“ eine besondere Bedeutung zu, nämlich in der Gemeinde einen stützenden Kontext für drogengefährdete Jugendliche zu finden oder allererst zu bilden – keine zu unterschätzende Herausforderung in einer Welt, in der Jugendbanden und Familienmitglieder z.T. vom Drogenhandel leben.

Schließlich ist es wichtig, in der kontextzentrierten Therapie die Frage nach etwaigen Behinderungen in der Familie nicht zu übergehen, weil Behinderungen z.B. von Geschwistern (Autismus, zerebrale Kinderlähmung, Asthma, Downs Syndrome, Zuckerkrankheit, etc.) oder Eltern oft unerwähnt bleiben, obwohl sie die Sorge und den Kummer der ganzen Familie organisieren und viel Energie von der Betreuung der ´gesunden´ Kinder abziehen. 

7. Sicherheit; kontextuelle oder häusliche Gewalttätigkeit
Viele Kinder und Jugendliche in den Wohn- und Schulbezirken, in denen die Teams des Zentrums arbeiten, leben in ständiger Bedrohung, sowohl zuhause als auch besonders in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Physische Gewalt und Schießereien zwischen Bandenmitgliedern sind an der Tagesordnung. Schüler/innen, die selbst die Initiative zur Therapie ergreifen, sind häufig traumatisierte Opfer von Gewalttätigkeiten oder haben Gewalt in ihrer Umgebung erfahren.

Über die Gewalt in der Nachbarschaft hinaus werden die Therapeuten natürlich mit häuslicher und sexueller Gewalt innerhalb der Familien konfrontiert, d.h. mit der Geschichte und Gegenwart traumatischer persönlicher Gewalt im Leben des/der betreffenden Jugendlichen. Die beziehungs- und kontextzentrierte Perspektive der Teams bedeutet daher eine komplexe Aufgabe: Zur Wiederherstellung von Sicherheit und Integrität im Umfeld der Jugendlichen beizutragen, die Heilung von traumatischen Widerfahrnissen zu ermöglichen, und die (z.T. von Schülern selbst geleiteten) Bemühungen zu unterstützen, in der Schule, in der Familie, und in der Nachbarschaft Alternativen zu Gewalt und Ausbeutung zu schaffen.

8. Migration und die familiären Überlebensgeschichten
In vielen Schulen in New Jersey, in denen Teams des Zentrums Schüler und Familien beraten, ist der Prozentsatz von Einwanderungsfamilien, besonders aus Lateinamerika, sehr hoch. Die (in diesen Schulen zweisprachigen) Teams erkundigen sich daher immer nach der Geschichte der Familie und besonders nach dem gesetzlichen Einwanderungsstatus der Erwachsenen. Den Berichten der Familie im Gespräch Raum zu geben und zuzuhören ist besonders für in letzter Zeit eingewanderte Familien heilend und befreiend. Die Geschichten lateinamerikanischer, afrikanischer oder asiatischer Familien offenbaren nicht nur erstaunliche Stärken, sondern auch enorme Belastungen der familiären Beziehungen, z.B. wenn kleine Kinder zurückgelassen werden mussten. Viele Migrationsfamilien ohne Papiere leben im gesetzlichen Niemandsland und sind vielfältigen Ausbeutungsformen ausgesetzt, wie etwa ausbeuterische Löhne, Wohnungen zu Wucherpreisen, sexuelle Gewalt, kaum Schutz in Rechtsfragen, keine Gesundheitsversicherung usw.

Dass die Therapeuten im Gespräch den Lebensumständen neuzugewanderter Familien gebührende Aufmerksamkeit schenken, stellt den Beginn des Vertrauens dar, das die Migranten ohne Papiere allmählich dem Team gegenüber entwickeln. Die bis zu einem gewissen Grad Rechtlosen sind auf dem Weg, ein neues Zuhause zu finden.

9. Familiendynamik, Familienlebenszyklus und Mehrgenerationen Perspektive.
Die Grundidee der „beziehungs- und kontextzentrierten systemischen Familientherapie“ ist, wie gesagt, Kinder und Jugendliche in benachteiligten innerstädtischen Schulen zu verstehen und zu stützen durch die Einbeziehung der Familie. Der Blick auf die Familie ist daher zentral für die Arbeit der Teams.

Mit dieser Perspektive als Orientierung unternehmen die Arbeitsgruppen des Zentrums ganz spezifische Schritte um die Gesamtsituation der Kinder, Jugendlichen und der Familie zutreffend einschätzen zu können. Sie erforschen die Beziehungsdynamik der Familie, besonders die Phase der Familie im Lebenszyklus und die Struktur und Leitideen des Familiensystems. Inwieweit ist die Familie in eine stützende oder zerstörerische soziale Umwelt eingebettet? Sind die Eltern oder andere verantwortliche Erwachsene fähig, die Familie zu leiten und für die Kinder zu sorgen? Ein mehrere Generationen übergreifender Familienstammbaum („Genogram“), der die Geschichte und wichtige Ereignisse und Daten der Familie markiert, liefert Hinweise auf überkommene innerfamiliäre Überzeugungen, auf Verhaltens- und Erfahrungsmuster oder Modelle familiärer Stärken, die auch im Leben der Jugendlichen eine Rolle spielen, wie etwa das Durchhaltevermögen, schier unüberwindliche Hindernisse zu überwinden. (Sharkey, 2008) Hier ist auch der Ort für eine sorgfältige Einschätzung der emotionalen, kognitiven, und sozialen Reife des Schülers oder der Schülerin. (Ungar, 2010)

3. Ergebnisse:   

IV. Soziale Gerechtigkeit als Meta-Perspektive oder: Wie die klinische Praxis für Überraschungen sorgt  

Die durch die diversen kontextuellen Perspektiven und ihre Überschneidungen vermittelte Einfühlung macht verletzbar in dem Masse, in dem die Therapeuten/innen sich den nicht seltenen Überraschungen aussetzen, die von den Jugendlichen und den Familien her auf sie zukommen. Eine der Überraschungen, die Teams und Leitung des Zentrums betroffen und zu begrifflicher Reflexion geführt haben, ist die Einsicht, dass Beziehungs- und Verhaltensschwierigkeiten, emotionales Leiden, oder von Traumata herrührende Denkverwirrungen von Jugendlichen mit gesellschaftlich vermittelten Unrechts-strukturen zu tun haben. „Beziehungs- und kontextzentrierte systemische Familientherapie“ kann angesichts sozialer Ungerechtigkeit nicht blind und verschlossen bleiben wie leider oft Therapie im Kontext der Mittelschicht.

IV.1 Gesellschaftliche Unrechtsstrukturen

Rasse, Kultur, und ethnische Herkunft in der US Gesellschaft

Die US-amerikanische Gesellschaft ist immer noch eine rassisch zersplitterte Gesellschaft. Wegen der bleibenden Gegenwart der Versklavungs-geschichte gilt dies besonders für das Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen, lässt sich aber auch in abgewandelter Form auf den Status der Einwanderer ohne Papiere aus Lateinamerika und Asien ausdehnen (Patterson, 1998). Farbige, d.h. Schwarze und Latino Familien, und eine Anzahl armer Weißer bleiben Außenseiter, Ausgestoßene oder nie integrierte Fremde in der US-amerikanischen Gesellschaft.
Sklaverei war zunächst und vor allem eine Institution des Ausschlusses; versklavte Menschen gehörten nicht zur bürgerlichen Gesellschaft. Rasse (natürlich ein biologisch höchst dubioser, aber gesellschaftlich mächtiger Begriff) wurde zum Grundzug der persönlichen Identität wie etwa Geschlecht oder Alter. Zwar stellt die Bürgerrechtsbewegung und -gesetzgebung der 60er Jahre eine historische und grundlegende Veränderung der Beziehungen zwischen der dominanten Gesellschaft und Kultur der Weißen und der unterprivilegierten Schicht der Schwarzen dar und ermöglichte den Aufstieg einer schwarzen Mittelschicht und schwarzer politischer Führung. Der seither subtilere Rassismus in persönlichen Beziehungen ist aber, besonders gegenüber Jugendlichen, kaum weniger schädigend (Sue et al., 2010). Die von der Bürgerrechtsbewegung erstrebte Integration von Schwarz und Weiß hat sich bislang nur unzureichend in den öffentlichen Schulen, aber am wenigsten auf der Ebene der Wohnbezirke und Lebensräume durchsetzen lassen. Die Freilassung der Versklavten im Jahre 1863 hat nicht zu Gleichberechtigung vor dem Gesetz oder in der Gesellschaft geführt und neben der wachsenden Mittelschicht und der Oberschicht Elite stellen Farbige, die ökonomisch vom Rest der Gesellschaft getrennt leben, bis heute die zahlenmäßig größte Gruppe dar. 
Die Zahlen hinsichtlich Arbeitslosigkeit (für Schwarze, besonders Männer, wesentlich höher, bis zu 25 % in der Stadt New York), hinsichtlich Einkerkerung (Schwarze sind unter den 2,3 Millionen Gefängnis Insassen überrepräsentiert), und Schulabbruch (junge afro-amerikanische Männer liegen an der Spitze) sprechen eine deutliche Sprache hinsichtlich des noch verbleibenden Außenseiterstatus afro-amerikanischer und (in geringerem Masse) lateinamerikanischer Bevölkerungsgruppen in den USA.

Die Meta-Perspektive Soziale Gerechtigkeit

Kinder, Jugendliche und Familien, denen die Therapeuten/innen des Zentrums begegnen, kämpfen mit traumatischen kognitiven und emotionalen Verstörungen, rackern sich ab mit vielfältigen persönlichen und zwischenmenschlichen Problemen, die nicht, isoliert betrachtet, von ihrer biologischen, psychologischen und sozialen Entwicklung herstammen oder in ihren individuellen Entscheidungen oder der Dynamik ihrer Familien wurzeln. Die Leute, mit denen die Teams arbeiten, sind vielen Belastungen und Verwundungen ausgesetzt, die ihre Wurzeln in vergangenen oder gegenwärtigen Unrechtsstrukturen unserer Gesellschaft haben. Dazu gehören wirtschaftliche Ausbeutung und die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm, hohe Mauern zwischen gesellschaftlichen Klassen und Gruppen, kaum überwindbarer Außenseiterstatus innerhalb der herrschenden weißen Kultur, andauernde Entbehrungen und bedrohliche Gewalt in der Innenstadt, Rassismus als tägliches Widerfahrnis und in der Administration der Justiz gegenüber Familienmitgliedern, Benachteiligung im Gesundheits- und Sozialwesen, und noch immer nicht überwundene Vorurteile gegenüber Frauen, Kindern, Homosexuellen, Transsexuellen, kurz gegenüber allen, die „Andere“ sind gemäß den Normen der herrschenden Kreise. 

Alle Mitarbeiter des Zentrums verstehen daher die Trennung von biologischem oder psychologischem Innen und sozialem Außen als ein künstliches Konstrukt, das dazu verleiten soll, die Gewalt ungerechter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Strukturen zu übersehen. Ungerechtigkeiten, die integraler Teil der Geschichte und Struktur unserer Gesellschaft sind und in täglichen Dosen verabreicht und erfahren werden, spielen eine ausschlaggebende Rolle in menschlichem Leid, psychischen Konflikten, und körperlicher Krankheit (Sue et al., 2010). Ein Therapiemodell, das offen für die gesellschaftliche Umwelt ist, kann sich von keiner Form von Ungerechtigkeit abwenden.

Das Zentrum versteht „beziehungs- und kontextzentrierte systemische Familientherapie“ daher als einen Prozess, der durch gegenseitige Achtung, Zusammenarbeit, und Mitgefühl gekennzeichnet ist und Gerechtigkeit in der Therapie und im Beziehungsfeld der Familie wieder herzustellen sucht. Im Heilungsprozess der Familie bedeutet dies zunächst, Beziehungsgerechtigkeit und Einfühlung innerhalb der Familie wieder zu stützen. Darüber hinaus kommt es aber auch darauf an, im gesellschaftlichen Umfeld wurzelnde Ungerechtigkeiten anzusprechen und, wenn irgend möglich, zu beseitigen. Wunden können heilen und zerstörerische Erfahrungen können wieder gutgemacht werden, wenn Gerechtigkeit und Einfühlung auf allen Ebenen erlebt werden können – als Teil der Innenwelt eines Einzelnen, integriert in das Feld persönlicher Beziehungen, und im Gesamtumfeld eines Menschen bzw. einer Familie.

IV.2 Gerechtigkeitsarbeit

Soziale Gerechtigkeit als handlungs- und therapieorientierende Haupt- oder Metaperspektive verändert und bereichert die Familiengespräche. In ihrer Arbeit sehen sich die Teams des Zentrums täglich der Aufgabe gegenüber, Beziehungskontexte wieder herauszuarbeiten, die dann die Wiederherstellung von Gerechtigkeit (zwischen Familienmitgliedern und zwischen der Familie und ihrer Umwelt) stützen, Menschen- und Bürgerrechte verteidigen, und soziale und geschlechtsspezifische Gleichberechtigung vertreten können. Das geschieht in einem Masse, das in therapeutischen „Mittelschicht-Kontexten“ unbekannt ist, oder eben nicht wahrgenommen wird.

Hier seien abschließend einige wichtige Schritte praktischer „Gerechtigkeitsarbeit“ angeführt, die sich für Teams und Supervisor/innen des Zentrums für die kontextzentrierte Arbeit mit Jugendlichen und Familien aus vielen Gesprächen ergeben haben.

Geschichten.
Familienmitglieder erzählen Geschichten, oft mit dem sprachlichen Farbenreichtum ihrer ethnischen Herkunft und Kultur. Sie handeln von Versklavung oder anderen traumatischen Widerfahrnissen in der Gegenwart oder Vergangenheit, oder von lange schwelenden Konflikten und unlösbaren Beziehungsfallen. Sie bringen die Erinnerung der Familie an die gefahrvolle Reise in die USA zu Wort als Hunger, Krieg oder Krankheit sie zwang, ihre Heimat zu verlassen. Die Teams nehmen hier die Rolle des „griechischen Chores“ oder der Augen- und Ohrenzeugen ein, die diese Geschichten hören und weitererzählen können. Sie unterstützen oder orientieren den Prozess zwischen den Anwesenden durch Fragen und Eintreten für diejenigen, die eher im Hintergrund bleiben. Oder sie erweitern den Horizont, um die Stimmen vergangener Generationen zu Wort kommen zu lassen. 

Öffentliches Erinnern.
Was heilt und stärkt, ist in der Intimität und Geborgenheit eines Familiengesprächs das (familien-) öffentliche Angedenken und Erinnern des Leidens von Angehörigen. Physischer oder sexueller Missbrauch, unterwegs erfahrene Not und Entbehrung, Erzählungen von Niedergeschlagenheit, hilfloser Wut, oder geistiger Verwirrtheit, aber auch die Überreste zerstörerischer Familienkonflikte können angehört und im Gespräch verarbeitet werden.

Versöhnungsarbeit.
Auch in diesen Gesprächen verfolgen die Zentrums Therapeuten aktiv das Ziel, familiäre Stärken zu entdecken und herauszuarbeiten, fragmentierte persönliche Beziehungsnetze wieder zu verknüpfen, verfeindete Teile von Familiensystemen zu treffen, zu versöhnen und aufeinander einzustimmen. Für diese Arbeit sind Fingerspitzengefühl, ein Sinn für Gerechtigkeit und Ausgleich von widerstrebenden Kräften, besonders aber kulturell geschulte Einfühlung und Bescheidenheit unabdingbar.

Gerechtigkeit im sozialen Umfeld der Familie.
Dazu kommt dann als Aufgabe für die Teams des Zentrums die Unterstützung aller Bemühungen, nun auch im Umkreis der Familie gesellschaftliche, kulturelle, und geschlechtsbezogene Gerechtigkeit (wieder) herzustellen oder doch wenigstens der Familie zu helfen, das Eintreten für diese Ziele nicht aufzugeben. Die Teams berichten, wie Familien gegen Ende der „beziehungs- und kontextzentrierten systemischen Familientherapie“ beginnen, in ihrer Nachbarschaft, Schule oder im Stadtbezirk die Initiative zu ergreifen und Gemeindegruppen zu gemeinsamen Aktionen zusammenbringen, etwa bezüglich der Gewalttätigkeit im Stadtteil, oder bezüglich des Drogenhandels oder der Jugendbanden.

Schluss
Ein Modell der Familientherapie, das die Beziehungskontexte von Kindern, Jugendlichen und Familien ausdrücklich mit ins Auge fasst, nützt die Stärken der Familie, um auch das soziale Umfeld zu transformieren. Das (natürlich immer unabgeschlossene) Ziel und die dieser Therapie zugrundeliegende Hoffnung ist, dass es gelingt, die in den Familien innewohnenden Kräfte zu stärken, widerstrebende Kräfte innerhalb der Familie durch Einfühlung und Sinn für Gerechtigkeit miteinander zu versöhnen, und ihnen im Prozess beizustehen, ihren Lebensumkreis in Richtung auf friedliches Zusammenleben und, vor allem, gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu verändern.     Die Mitglieder des „Zentrums für Familien, Gemeinde, und Soziale Gerechtigkeit“ vertreten in praktischer Arbeit die Hoffnung, dass auch vielfältig marginalisierte, d.h. sich und ihrer Umwelt entfremdete Familien eines Tages in ihrem Lebensumkreis mit Würde, Selbstbestimmung, Vertrauen auf Andere, und in physischer und psychologischer Unversehrtheit leben können.

Der Afro-Amerikanische Schriftsteller James Baldwin hat mit schärferen Worten derselben Hoffnung gegenüber seinem jungen Neffen so Ausdruck gegeben (Baldwin, 1964):
„Dies ist das Verbrechen, dessen ich mein Land und meine Landsleute anklage, und das weder ich noch die Zeit noch die Geschichte ihnen je vergeben werden, dass sie hunderttausendfach Leben zerstört haben und immer noch zerstören, und sie wissen es nicht und wollen es nicht wissen... Es ist ihre Unschuld, die das Verbrechen zum Verbrechen macht...

„Dieses unschuldige Land verbannte Dich in ein Ghetto, in welchem Du, wenn es nach ihm gegangen wäre, hättest umkommen sollen... Weil Du schwarz bist, und aus keinem anderen Grund, sollten die Grenzen Deines Ehrgeizes ein für allemal abgesteckt sein. Du wurdest hineingeboren in eine Gesellschaft, die Dir mit brutaler Deutlichkeit und auf jede nur mögliche Art und Weise zu verstehen gab, dass du ein wertloser Mensch seist. Du solltest nicht nach Außergewöhnlichem streben. Du solltest Frieden mit der Mittelmäßigkeit schließen...

„Du und viele von uns haben diese Absicht zunichte gemacht; und durch ein schreckliches Gesetz, ein schreckliches Paradox, verlieren diese Unschuldigen, die sich in Sicherheit wähnten, als sie Dich einsperrten, ihren klaren Blick für die Wirklichkeit. Dennoch sind diese Menschen Deine Brüder – Deine verlorenen, jüngeren Brüder, und wenn das Wort Integration überhaupt einen Sinn hat, dann diesen, dass wir mit Liebe unsere Brüder zwingen müssen, sich so zu sehen, wie sie sind, und aufzuhören, die Realität zu fliehen, und statt dessen zu beginnen, sie zu ändern... 

„Es wird schwer sein, aber Du stammst ab von Männern, die Baumwolle pflückten und Flüsse eindämmten und Eisenbahnen bauten, und widrigsten Umständen zum Trotz sich eine unverletzliche und monumentale Würde erwarben...

„Wir (die Schwarzen) können nicht frei sein, ehe sie (die Weißen) nicht frei sind.“

Anhang:

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